Quarantäne – wie wir Gefühle, Sex und Freiraum unter einen Hut kriegen

von | 23. Mrz 2020

Lesedauer: 8 min

Die Welt hat sich schlagartig verändert. Sie steht unter Quarantäne und wir sind eingesperrt. Für viele frisch Verliebte eine Mega-Challenge. Wie überstehen wir das ohne wahnsinnig zu werden?

Die Geschäfte sind zu, die Polizei patrouilliert in den Städten und ihre Durchsagen hallen durch die Straßenschluchten: „Bitte lösen Sie die Gruppenbildung auf, ansonsten kann ihr Verhalten zur Anzeige gebracht werden!“.

Klingt nach einer Science Fiction Dystopie, und für manche vollkommen übertrieben, aber das ist es nicht.

Viren sind ein Textbuch-Beispiel für exponentielles Wachstum. Denn nur weil es gestern 1800 Infektionen waren und heute 2000 sind, bedeutet das nicht, dass es morgen 2200 sein werden. Hier ist ein Film, der sehr schön zeigt (Englisch mit dt. Untertiteln) wie schlecht wir Menschen darin sind exponentiell zu denken.

Auch wenn wir vielleicht nicht das Bewusstsein dafür haben wie tödlich dieser Virus ist, müssen wir verstehen, dass wir durch „Social Distancing“ und freiwillige Quarantäne präventiv dazu beitragen die Verbreitung zu verlangsamen (nicht zu verhindern, denn diesen Punkt haben wir schon lange überschritten) und in Folge dessen weniger Menschen dadurch ihre Großelter oder Eltern verlieren.

Ob wir nun an den Ernst der Lage glauben oder nicht, hat die von immer mehr Staaten erlassene Quarantäne, dieses ungewohnte ständige Beisammensein, auch seine eigenen Herausforderungen. Vor allem in frischen Beziehungen, die noch nicht gefestigt sind, kann das staatlich verordnete Aufeinanderhocken eine Brandrodung entfachen wo sonst nur Blumenwiesen aus Spaß, Liebe und Sex wuchsen.

Ebenso anfällig für Konflikte ist die Situation, wenn einer der beiden die Quarantäne am liebsten gemeinsam verbringen, der andere sie jedoch lieber zu Hause in Einzelhaft absitzen möchte.

Eine Anleitung

Mit dieser Schritt für Schritt Anleitung für frisch verliebte wird die erste gemeinsam durchgestandene Pandemie nicht mit Chaos, Stress und fliegenden Tellern beginnen. Und nicht nur das! Wer diese Anleitung befolgt, wird nicht nur lernen wie wir besser während der Quarantäne miteinander klarkommen, sondern wie sie uns sogar dazu verhelfen kann uns in der Beziehung freier und sicherer zu fühlen – ein Zustand, den wir nach der Isolation beibehalten werden, und das die Beziehung auf eine Ebene hebt, die uns langfristig erfüllen wird.

1. Die Lage akzeptieren

Wir müssen akzeptieren, dass wir ab sofort für eine unbestimmte Zeit auf engem Raum zusammenleben werden. Wir sehen uns mehr, wir berühren uns mehr, wir gehen uns definitiv mehr auf den Geist. Wer glaubt, dass das nicht passieren wird weil wir ja soooo verliebt sind, der lebt in einer Traumwelt ante Coronam.

2. Offen ansprechen

Daher müssen wir darüber reden, dass jeder seinen Freiraum bekommt. Freiraum bedeutet jedoch für jeden etwas anderes. Für manche ist es das stundenlange Playstation-Zocken, für andere ist es alleine ein Bad nehmen und für wieder andere ist es einfach nur stundenlang auf 9 Gag Hunde-Gifs durchzuscrollen oder mit leerem Blick aus dem Fenster zu schauen. Jeder hat seine eigenen Gewohnheiten für sich zu sein. Diesen Freiraum, diese erholsamen Blasen der IchTueWasIchWillStunden, kann, will und soll auch niemand aufgeben. Sogar extrem anhängliche Menschen brauchen ihn – nur seltener. Wir müssen mit unserer Flamme ganz klar und offen darüber reden, wofür wir auch mal Raum und Zeit für uns selbst brauchen. Man kann es auch so sehen: Es ist eine Einladung eine Seite seines neuen Partners kennenzulernen, die man vielleicht noch nicht kennt.

3. Angst vor Zurückweisung besiegen

Viele von uns tun das jedoch nie weil wir Angst vor Zurückweisung haben. Oder manchmal sogar Angst davor haben, den Partner zurückzuweisen, der uns daraufhin zurückweist. Wir erliegen der ungesunden Annahme, dass sich Kuscheln in dem Maße ausdehnen muss wie Zeit dafür zur Verfügung steht 1. Wir geben uns den Vorschlägen des Partners hin einen Film auf Netflix anzuschauen, obwohl wir eigentlich lieber ein Bad nehmen, eine Schönheitsmaske auftragen und Britney Spears dabei hören wollen. Wir haben Angst den anderen zurückzuweisen, daher gehen wir den Weg des geringsten Widerstandes und beginnen die fünfte Netflix-Serie. Was wir nicht wissen: Vielleicht geht es unserem Partner ja genauso, nur sagt er nichts?

4. Anpassung und Abgrenzung verstehen

Eine gesunde Beziehung besteht immer aus einem Tango aus Anpassung und Abgrenzung. Für eine Beziehung in ständiger Verschmelzung (aka. Anpassung) gibt es einen Namen und nein, er lautet nicht „romantisch“. Er kommt aus der Sozialpsychologie und nennt sich „Gegenabhängigkeit“. Im Prinzip ist es nichts anderes wie eine Sucht nach einer Person und weil man Angst hat ohne das Suchtobjekt klarzukommen, tut man Dinge, die der eigenen Identität schaden. Wie z.B. nicht zu kommunizieren, dass man lieber Sport machen will als gemeinsam zu kochen (was eine Form der Abgrenzung wäre).

5. Abgrenzung ist völlig gesund

Wir können aber oft gar nichts dafür, dass wir die Abgrenzung nicht draufhaben, da wir es nie richtig gelernt haben. Vielleicht wurden wir in der Vergangenheit dafür bestraft, indem sich unsere vergangenen Partner schmollend zurückgewiesen gefühlt und daraufhin zurückgezogen haben. Dies wiederum hat uns das Signal gegeben: „Wenn du Harmonie in der Beziehung willst, dann pass dich lieber an!“.

Wenn von diesem Artikel eines hängen bleiben soll, dann das: Es ist völlig normal und gesund nicht jeden Atemzug mit dem Partner gemeinsam nehmen zu wollen. Egal wie beleidigt deswegen dein Anhängsel ist. Denn wenn deine neue Errungenschaft nicht auch mal ein paar Stunden für sich sein kann, sagt das viel mehr über ihn aus, als über dich. Also trauen wir uns eine empathische Abgrenzung zu!

6. Die Chance nutzen

Sehen wir die Quarantänesituation als Lehrschule. Wir haben ohnehin keine Wahl. Und es muss nicht erst eskalieren, bis wir dafür einstehen, was wir eigentlich wirklich tun wollen: Einfach mal über nichts reden, nicht berührt werden, kein Händchen halten, nicht kuscheln und erst recht kein Netflix. Falls wir noch nicht einmal zusammen wohnen, sollten wir dankbar dafür sein, dass wir nicht auf eine Wohnung beschränkt sind, sondern jeder seinen Rückzugsort hat.
Vielleicht geben wir unserem Partner diesen Artikel auch zum Lesen und vereinbaren dieses „Abgrenzen“ gemeinsam zu probieren.

7. Echte Zurückweisung vermeiden

Üben wir uns nicht darin vernünftig für unsere noch so kleinen Bedürfnisschen einzusetzen kann das verheerend enden. Wir werden wahnsinnig, der Frust staut sich auf und entlädt sich wegen etwas total Banalem in einem furiosen Angepampe. Meist will der Partner dann sogar etwas Liebes für uns tun und wir explodieren: „Ich will jetzt nicht kuscheln, ich brauche Raum für mich!!“. Auch wenn es nur ein Pyrrhussieg war stürmen wir aus dem Zimmer und ziehen uns in unser wohlverdientes Exil zurück. Unser Schatzi fühlt sich jetzt jedoch zu Recht zurückgewiesen, da er/sie es ja nur gut gemeint hat. Außerdem ist es jetzt allein unsere Schuld, dass diese Situation eskaliert ist – weil wir uns nicht rechtzeitig für unseren Freiraum eingesetzt haben.

8. Abgrenzung nicht mit Liebesentzug verwechseln

Wir sehen, wir müssen also lernen für uns einzustehen. Wir selbst zu sein, auch wenn sich unser Partner in dem Moment den Abend vielleicht anders vorgestellt hat. Aber ein vernünftiger Superlover wird verstehen, dass es absolut notwendig ist, dass jeder seine eigene Identität/Hobbys/Interessen/Faulheit etc. behält und das trotzdem nicht bedeutet, dass er ihn weniger Lieb hat. Wenn jeder noch seine eigene Wohnung hat, kann es ebenfalls eine gesunde Form der Abgrenzung sein, dass wir die Pandemie nicht eingepfercht verbringen wollen, sondern jeder sich zurückziehen kann – um sich dann wieder auf sein Mausi zu freuen.

9. Üben

Noch einmal zusammengefasst:

  1. Unsere Bedürfnisse erkennen
  2. Bedürfnisse kommunizieren
  3. Abgrenzung und vielleicht sogar mal Ablehnung/Enttäuschung in Kauf nehmen
  4. Aufhören uns wie Kleinkinder zu verhalten und Abgrenzung nicht als Liebesentzug sehen sondern als ganz normales Bedürfnis zwischen zwei Erwachsenen

Wenn wir diese Schritte berücksichtigen, werden wir merken, dass wir uns selbst freier fühlen. Oft entsteht in Beziehungen nämlich genau dann das Gefühl von Einengung, wenn wir nicht sagen was wir eigentlich wollen. Also fangen wir damit an und üben: „Schatz, ich fände es toll, wenn du heute Nachmittag alleine verbringen könntest, ich bin super müde und mich würde gerade am meisten entspannen wenn ich einfach nur ein paar Stunden für mich hätte. Wäre das ok für dich?“

Wir fühlen uns frei, denn wir merken: Moment, ich kann ja trotzdem alles tun was ich will, wenn ich es einfach nur mal in Ruhe und rechtzeitig anspreche.

Auf der anderen Seite müssen wir ebenso verständnisvoll sein, wenn unser Partner mal Zeit für sich braucht, aber das versteht sich genauso von selbst, wie es schwierig ist. Denn wenn wir unsere Bedürfnisse äußern und auf Verständnis stoßen, tut das gut. Wenn unser Partner das tut, kann es manchmal etwas ungemütlich werden für uns. Aber das müssen wir dann eben aushalten. Es hilft natürlich, wenn beide ein ähnliches Grundbedürfnis an Verschmelzung und Abgrenzung haben.

Die Belohnung

Wenn man weiß, dass man jederzeit für sich einstehen kann und mit Mal zu Mal lernt, dass nichts schlimmes passiert wenn wir uns mal abgrenzen (sprich: für unsere Bedürfnisse einstehen), findet etwas sehr interessantes statt: Wir wollen uns daraufhin weniger abgrenzen. Wir wissen, dass wir es jederzeit könnten wenn wir nur wollten und verlieren dieses Gefühl der Hilflosigkeit, das uns ermöglicht, die Zeit mit unserem Partner viel mehr zu genießen.



  1. Angelehnt an das Parkinson’sche Gesetz: „Arbeit dehnt sich in genau dem Maß aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht.“[]
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