Warum wir bisher nicht glücklich geworden sind

von | 16. Mrz 2020

Lesedauer: 4 min

Manchmal haben wir die Schnauze voll vom ewigen wie sinnlosen „swipe, date, mate“ und beschließen, dass ab jetzt alles anders wird. Nur wie?

Also fahren für ein Paar Tage alleine weg. Einfach mal raus, den blöden Job vergessen, den täglichen Stress und die dummen Kunden oder Kollegen hinter uns lassen. Wir sind auf Dating-Urlaub und schmieden einen neuen Plan.

Wir sitzen auf einer gemütlichen Bank und schauen auf den Comer See hinaus. Ein liebes Kätzchen kuschelt sich zufrieden schnurrend zu uns, wirft sich auf den Rücken und wir streicheln ihr über den Bauch.

Wie wir so relaxt dasitzen und das Rascheln der Blätter auf uns wirken lassen, schleicht sich ein Gedanke in unseren Kopf: irgendwie fehlt etwas.

Dieser Gedanke wird zu einem unangenehmen Gefühl, das wir verdrängen, da es diesen herrlichen Moment stört.

Wir atmen einmal ganz tief durch, genauso wie es unsere Yogalehrerin gepredigt hat: Ein, ein, ein, ein…. aus, aus, aus, aus…

Nur warum funktioniert das nicht? Denn plötzlich hört sich dieses Durchatmen das für Tiefenentspannung sorgen sein soll, an wie ein verdammtes Seufzen.

Sandy und Giorgio

Wir fühlen uns einsam und sehnen uns nach jemandem. Wir sind allein. Nein, einsam. Kein Comer See und auch keine Palme auf den Bahamas wird uns diese Sehnsucht nach jemandem nehmen können. Wir wollen uns wieder verlieben, verdammt!

Wo ist jetzt endlich der erfolgreiche, gut aussehende Charmeur, den uns Disney versprochen hat? Und wo bitte ist die heisse Blondine, die uns jeden auch noch so abgefahrenen Wunsch von den Augen abliest, wie es uns in Pornos demonstriert wird?

Hat der Charmeur womöglich die Blondine aufgerissen und wir bleiben für den Rest unseres Lebens alleine und unzufrieden?

Auch wenn dieses Gefühl nicht so klar und deutlich in unseren Gehirn- und Herzwindungen als böser Hausgeist herumspukt, müssen wir uns vor diesem Gedanken, diesem Gefühl von Unzufriedenheit, in Acht nehmen.

Wir Menschen haben ein natürliches Bedürfnis nach Gesellschaft, Partnerschaft und Liebe. Die Schlampe Sandy, die mit jedem ins Bett geht, als auch ihr Counterpart, der Aufreisser Giorgio, sehnen sich hinter all der Schminke und dem Machogehabe beide insgeheim nach einer Verbindung. Sie nutzen eben die Mittel die sie kennen, um dies zu erreichen: Sex.

Weiter reicht ihr emotionales Repertoire einfach nicht. Tiefer als durchschnittlich 16cm in jemanden einzudringen, um eine emotionale Verbindung aufzubauen, ist eben nicht drin. Und das ist ihnen nicht einmal zu verübeln. Woher sollten sie es auch besser wissen?

Sandys Vater hat sich nie um sie geschert, sondern war lieber bis spät arbeiten, und hat womöglich die Sekretärin gevögelt. Giorgios Mutter hat ihn immer kritisiert, oder noch schlimmer: sie hat seinen Vater, sein männliches Rollenvorbild, ständig kritisiert. Beide haben nie gelernt, dass sie Liebe verdienen, ohne sich dafür eine bestimmte Rolle einnehmen zu müssen.

Beide haben im Laufe der Jahre umbewusst diese Rollen angenommen, da sie gemerkt haben, dass sie damit an etwas Zuneigung herankommen.

So gehen sie das Tauschgeschäft “Sex gegen Liebe” gerne ein und schnuppern zumindest für durchschnittlich acht Minuten in die Illusion der Intimität hinein jemanden an seiner Seite bzw. unter sich zu haben.

Casual Sex soll hier nicht dämonisiert werden, denn es kann sich durchaus positiv auf das Selbstbewusstsein auswirken, wenn man wertvolle Erfahrungen sammelt. Man hat die Chance etwas darüber zu lernen was man mag oder einen auch anwidert, ohne sich lange damit auseinandersetzen zu müssen, da man den Widerling (hoffentlich) nie wieder sieht. Abhaken, blockieren und weiter. Aber wie mit allem im Leben kann es, wenn es übertrieben wird, negative Konsequenzen haben. An diesen dunklen Enden des falschen Regenbogens sind jedoch auch meist die Lernerfahrungen versteckt.

Auch wenn wir Intimität nicht über Sex suchen, finden wir die abgefahrensten Wege uns die Aufmerksamkeit anderer zu sichern: Taktiken, Maschen, Eifersuchts-Spielchen und auch Drama, Kompliziertheit und Streit sind Methoden, die uns anderen auf eine abgefahrene Weise näher bringen.

Versuchen wir uns also vor dem nächsten Techtelmechtel bewusst zu machen, was wir eigentlich wollen:

Wahre Intimität mit jemandem und evtl. sogar unser Leben mit ihm/ihr teilen (scary)? Oder tatsächlich einfach nur die Befriedigung unserer Genitalien (simple)?

Beides ist legitim, jedoch darf man die zwei Sachen nie miteinander verwechseln, denn auch wenn es am Anfang scheinbar funktioniert (weil alle cool sind mit dieser „lockeren G’schicht“), fliegt uns das ganze später um die Ohren, wenn sich auch nur einer der beiden von Anfang an mehr vorstellen kann.

Bevor wir das nächste Mal nach rechts swipen sollten wir uns also glasklar darüber sein, ob wir eine Sandy oder einen Giorgio in unserem Leben gerade wirklich brauchen, oder nicht doch lieber mit einer Sandra oder einem Georg auf einer Bank am Comer See sitzen und gemeinsam tief durchatmen wollen. Ein, ein, ein, ein… aus, aus aus, aus…

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