Wie wir sinnvoll streiten

von | 2. Mrz 2020

Lesedauer: 6 min

Niemand mag Streit – außer der, der’s veranstaltet. Es fühlt sich so herrlich an, wenn wir rein emotional sein und alles mal rauslassen können – denn schließlich liegen wir ja im Recht.⁠ Oder?

Ist es überhaupt Streit?

In den besten Beziehungen gibt es mal Zoff. Wenn sich zwei wildfremde Menschen freiwillig aneinander binden, dann muss es zu Meinungsverschiedenheiten kommen, und das ist ganz normal. Die Frage ist nur: ⁠

  1. Gibt es Streit, weil es offensichtlich etwas zu klären gibt? ⁠
  2. Sind wir wirklich an der Lösung interessiert? ⁠

Oder sind wir wegen etwas ganz anderem frustriert/enttäuscht/traurig/wütend/beleidigt/verletzt und lassen es an unserem Partner aus?⁠

Ein weiches Beispiel dafür ist, „hangry“ zu sein. Wir keifen unseren Partner an, obwohl der ja nichts dafür kann, dass wir hungrig sind. Hätten wir doch einfach nur etwas gegessen, wäre das kein großes Problem, dass seine alten Socken seit zwei Tagen an der Yucca Palme hängen. Gottseidank kann man vorbeugen, und immer ein Snickers dabei haben.⁠

Ein hartes Beispiel sind Dinge, die wir aus unseren alten Beziehungen mitbringen. ⁠
Wenn uns z.B. jemand einmal das Herz gebrochen hat, dann flippen wir vielleicht aus, wenn unsere neue Freundin von einem Barkeeper angeflirtet wird. Hätten wir nie die Erfahrung gemacht betrogen worden zu sein, dann würde uns das nicht so berühren.

Daher müssen wir zwischen „Streit“ und „Drama“ unterscheiden:

Jedes Drama beginnt mit einem Streit. Wenn wir jedoch merken, dass wir uns beim Streiten seit Ewigkeiten im Kreis drehen, und einfach zu keiner Lösung kommen, dann handelt es sich wahrscheinlich um Drama.

Kernmerkmal eines Drama-Ausbruchs ist, dass es für den Partner entweder nicht wirklich vorhersehbar ist (weil man sich noch nicht so gut kennt) oder aber bereits zum Teil des Charakters der Dramaqueen geworden ist, wenn wir uns selbst Sachen sagen hören wie: „Sie ist halt manchmal etwas gaga“, oder „Was stimmt mit ihm plötzlich nicht?!“.⁠

Der Dramaqueen (w/m) ist dann völlig egal, dass wir das Problem nicht wirklich lösen können. Sie will eigentlich etwas ganz anderes, was sie sich aber nicht traut auszusprechen.⁠

4 Tipps, die helfen die Situation zu entschärfen

1. Was nicht funktioniert

Rationale Argumente des Partners. Es ist eine rein emotionale Angelegenheit, und Emotionen aus einer alten Situation lassen sich nicht mit rationalen Gedanken besänftigen WENN die Dramaqueen keine Einsicht zeigt, oder zumindest ehrlich darüber ist wo es herkommt.⁠

2. „HALT/D“

Ein Streit, der sich immer wieder im Kreis dreht, sollte erst einmal ruhen gelassen werden. Vor allem, wenn wir hungrig, wütend, einsam oder müde sind 1 Ich möchte hier noch „D“ für Drunk hinzufügen, da man mit einem betrunken niemals streiten darf. Einfach stehen lassen und nach Hause gehen. Also, wenn sich unser Partner wie ein Schnitzel in der Pfanne aufführt, erst einmal den „HALT“-Check machen, ob einer der Punkte zutreffen könnte und ansprechen. Viele existenzielle Gespräche lassen sich vermeiden, wenn wir einfach erst einmal was essen.

3. Empathie, aber richtig

Da die Wurzel des ganzen Schlamassels eine Form von Unsicherheit ist, sollten wir empathisch mit dem kleinen Wutwuzel umgehen. In so einer Situation ist die empathische Umgang oft jedoch genau das nicht zu sein, sprich nicht empathisch zu sein. Soll heißen: nicht auf den akuten Wutausbruch eingehen, sondern das Gespräch auf später verschieben wenn die Punkte unter 2. ausgeschlossen sind. Wie oft sind wir verkatert aufgewacht und haben uns für die Szene, die wir gestern vor dem Club veranstaltet haben, weil uns dieser Huso Türsteher nicht reingelassen hat 2 in Grund und Boden geschämt? In dem Moment hätte niemand das wildgewordene Rhinozeros in uns zämen können. Heute können wir darüber lachen. Und falls es heut immer noch etwas gibt, über das wir reden müssen, ist jetzt ein viel besserer Zeitpunkt.

4. „Ist etwas passiert, dass dich verunsichert hat?“

Diese Frage wird vielleicht zuerst mit etwas Unverständnis aufgenommen, aber ein ehrlicher Versuch die Antwort darauf zu finden führt meist zu einer Kleinigkeit die der Partner gesagt oder getan hat, die er vielleicht garnicht so gemeint hat. Oder zu etwas, das rein garnichts mit dem Partner zu tun hat und das ganze lässt sich easy peasy auflösen ohne sich gegenseitig zu zerfleischen. Je schneller man zu dem Punkt kommt an dem man herausfindet warum man sich verunsichert, nicht gut genug oder vernachlässigt fühlt, desto schneller lösen sich diese Situationen wieder auf. Denn am Ende landet immer bei genau diesen Punkten.

Wie vermeiden wir Drama in Zukunft?

Die Dramaqueen neigt zur absoluten Selbstgerechtigkeit. Da es in diesem Fall eine Emotion ist, die ganz tief in uns vergraben ist, fühlen wir uns als Dramaqueen immer im Recht.⁠

Bei sehr starken Emotionen lohnt es sich diese mit Neugier zu hinterfragen. Und wir werden feststellen, dass wir zumindest einen Anteil an der Situation haben.⁠

Unser Partner mag zwar mit der Rezeptionistin geflirtet haben, aber ist wirklich etwas schlimmes passiert? Würde es theoretisch reichen, ihn darauf anzusprechen, dass uns das sehr unangenehm ist? Oder ist es zwingend erforderlich das Hotelzimmer kurz und klein zu hauen, nur weil wir uns im Recht fühlen das DAS. SO. NICHT. GEHT!⁠
Nie vergessen: wir könnten mit unserer Interpretation nämlich auch falsch liegen und er hat garnicht geflirtet, sondern war einfach nur nett.

Alles im Leben hat Konsequenzen. Auch wenn wir uns am Ende wieder vertragen, ist das Risiko sehr sehr groß in einem unnötigen Streit im Affekt etwas sehr verletzendes zu sagen oder zu tun das die Beziehung nachhaltig schädigt.⁠

Also, seien wir lieb zueinander, vor allem in Zeiten in denen einer etwas verunsichert ist und nicht genau weiß wie er damit umgehen soll. ⁠

Was aber niemandem von uns erspart bleiben wird ist herauszufinden warum wir in bestimmten Situationen so heftig getriggert werden. Und es gibt nichts das mehr Intimität erzeugt, als diese Arbeit gemeinsam mit unserem Superlover anzugehen.

Wir dürfen nie vergessen, dass wir in jeder Situation auch eine Chance sehen können. ⁠
Wenn beide Partner offen sind und die Motivation haben sich weiterzuentwickeln, dann kann Drama ein wunderschöner Katalysator sein um diesen Pfad gemeinsam zu gehen.⁠

Wenn wir in diesem Prozess dann mit unser Urängsten konfrontieren werden, könnte durch die Unterstützung des Partners eine so tiefe Intimität, ja so ein unumstößliches Vertrauen entstehen, dass man das sogar…⁠

…Superlove nennen könnte.⁠

Drama verhindert Intimität.⁠

Die gemeinsame Arbeit daran vertieft sie.



  1. Das Akronym „HALT“ stammt von den anonymen Alkoholikern und steht für „Hungry, Angry, Lonely, Tired“. Es beschreibt emotionale Zustände in denen wir anfällig sind für selbst-zerstörerische Verhaltensweisen. Hangry zu sein ist also ein absolut legitimer Grund seine Mitmenschen zu meiden[]
  2. „Weisst du eigentlich wer ich bin?!!!“[]
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